Montag, 23. Mai 2011

Lesen in Hotels – Die Hotelbibliothek

Ein gutes Hotel, also eines, dass fünf, aber auch nur vier Sterne führt, hat eine Biblothek. Auch hier, in einem 4 Stern superior Hotel mit Thermenanschluss gibt es so einen Raum. Die Bibliothekswände sind mit Regalen bis an die Decke verbaut sind. Soweit so gut. Ein Raum voller voller Regalen wäre der Traum jedes Lesers. In der Hotelbibliotheken füllt der Buchbestand die raumhohen Regale aber nicht aus. Die obersten Reihen sind daher mit Dekobüchern gefüllt, also weinroten Pappdeckeln, die aussehen sollen wie Bücher.
Mein Herz blutet. Damit werden die echten Bücher, die ein paar Reihen darunter stehen auch zu Dekorationsobjekten degradiert, die den Kamin und den Spieltisch, aber auch die Computer mit Internetzugang einen schönen Rahmen geben. Ab und an ist auch eine riesige Stehleuchte vor so vor den Regalen platziert, dass man zu den dahinterliegenden Büchern keinen Zugriff mehr hat. Hier geht es nicht ums lesen, der Raum soll eine gediegene Atmosphäre ausstrahlen.
Mit welchen Inhalten will sich eine Hotelbibliothek beschäftigen? Ich würde die Mischung mit Kraut und Rüben bezeichnen. Es gibt unzähligen Readers Digest, sonst hauptsächlich Krimis und vereinzelte Exemplare der anspruchsvollen Literatur, wie Vikor Hugos „Die Elenden“. Eine weitere Mehrheit bilden Frauenromane, Utta Danella und Schicksaalsberichte. Zudem gibt es noch einige Kinderbücher, einige Sachbücher und Ratgeber. Vereinzelt wurde versucht sich an Herausgeberreihen zu halten. Da gibt es die Krimeladys und zwei Bücher auch der Serie der Süddeutschen.
Das schlimmste ist, dass die Bücher ohne System in die Regale geschlichtet wurden. Da steht das Pflanzenkundebuch neben John Irving und daneben ein Paperback Krimi, daneben Stephanie Mayer, daneben Karl May und trotzdem ist es nicht alphabetisch.
Mein Herz blutet. Ich kann nur Vermutungen anstellen, wie solche Bibliotheken gebildet werden. Einerseits gibt es Bücher, die von der Hotelleitung angeschafft wurden. Die tragen einen Stempel des Hotels und manche führen auch ein hauseigenes Lesezeichen. Einige dürften gespendet worden sein, die Krime Lady Serie trägt den Stempel eines ortsansässigen Tierarztes. Und der Rest dürften sich aus dem zusammensetzen, was die Gäste im Haus liegenlassen. Hinweise darauf gab mich auch eine Inschrift in einem Buch. Gabi und Brigitte mit einem Datum versehen und dann ein anderer Gast Henriette, die noch dazu festgehalten hat, wann sie es gelesen hat. Dabei kann es sich auf keinen Fall um Lieblingsbücher oder anspruchsvolle Literatur handeln, denn die würde man nicht so einfach in einem Hotel lassen, sondern sich die Mühe machen, das Werk heimzutragen und in die eigenen Regale zu stellen, für den Fall, dass man es wieder lesen will.
Aber warum schafft man sich eine Bibliothek an, wenn niemand bereit ist sie anständig zu pflegen? Schauen die Mitarbeiter wirklich nur ob die Bücher gerade stehen, ob sie schön aussehen? Lesen sie selber nichts? Ist dieser Bereich so unwichtig, dass keine Person dafür zuständig ist?
Denn auf Selbstverwaltung wird in einem 4 Sterne Hotel sicher nicht gesetzt, wie oft die Bücherregale in den Backpackerabsteigen. Jeder Gast darf seine Bücher da lassen oder sich welche nehmen. Alle sind zerfleddert, alle durcheinander. In den Top Hotels wird ja eine Dienstleistung angeboten, mit der auch geworben wird.

Ist es Diebstahl wenn ich mir ein Buch aus der 5 Sterne Bibliothek hole und nie wieder zurückgebe? Merkt ja keiner. Niemand schreibt auf, wer was wann entlehnt hat. Niemand weiß wie die Bücher hinkommen und auch wieder wegkommen. Traurig.
Gleichzeitig wäre das auch eine Chance für Bücherliebhaber, die ihre eigene Bibliothek kostengünstig aufwerten wollen. Ein paar brauchbare sind immer zu finden.

Die beste, die ich kennengelernt habe war im Balance Resort in Stegersbach. Da hatten sie viele anspruchsvolle gekaufte Serien und auch man staune Literaturzeitschriften. Und ein nettes Mühlespiel, an dem ich kein einziges Mal gewonnen habe.
Kennt jemand eine wirklich gute Hotelbibliothek? Wir brauchen wieder neue Urlaubsziele.

Sonntag, 22. Mai 2011

Szenisch-musikalische Lesung Sama Maani/Krassimir Sterev

Der Heiligenscheinorgasmus

Text Sama Maani | Akkordeon Krassimir Sterev
Konzept Sama Maani und Andreas Kurz

21.| 26.| 27. Mai 2011
Beginn 20.00 Uhr

e c h o r a u m
A-1150 Wien Sechshauser Straße 66



Sama Maanis Text “Der Heiligenscheinorgasmus” erhielt 2004 einen Preis des Literaturwettbewerbs
“schreiben zwischen den kulturen” und wurde u. a. in der Anthologie “best of ten –10 jahre
exil-literaturpreise” sowie in der Literaturzeitschrift kolik veröffentlicht.

Ein sprachlich virtuos gearbeiteter Text, der schonungslos Identitätszuschreibungen in Frage
stellt. Im Spiel mit Klischees, deren Doppelbödigkeit durch groteske Überzeichnungen erst
erkennbar wird, werden scheinbar die Abgründe der österreichischen, der Schweizer, aber auch
der persischen „Seele“ ausgelotet. Doch der aus Persien stammende Protagonist ist genauso ein
typischer Österreicher, der die Ressentiments seiner Schweizer Nachbarn auf sich zieht, wie er ein
typischer Zuwanderer oder typischer Perser ist, also letztlich überall untypisch und somit wieder
sehr gewöhnlich für die heutige Zeit. Vladimir Vertlib

Sama Maani wurde als Kind iranischer Eltern in Graz geboren und wuchs in Österreich,
Deutschland und im Iran auf. Studium der Medizin in Wien und der Philosophie in Zürich.
Er arbeitet als Autor, Psychiater und Psychoanalytiker in Wien.

Krassimir Sterev wurde in Bulgarien geboren und ist seit 2003 Mitglied des Klangforum Wien.
Ebenso konzertiert er regelmäßig mit den Wiener Philharmonikern, dem London Philharmonia
Orchestra, der musikFabrik, dem Ensemble Nikel Tel Aviv, dem RSO Wien und dem Ensemble
PHACE und wirkt auch in zahlreichen Theater- und Tanzproduktionen (u. a. mit Alain Platel) mit.

e c h o r a u m
A-1150 Wien Sechshauser Straße 66
Tel 812 02 09 30
www.echoraum.at

Eintritt 10.–/5.–
Kartenbestellungen unter heiligenschein@chello.at

Dienstag, 26. Oktober 2010

Wut als Motiv

Tiere

Zur Zeit macht mich vieles wütend: am meisten die Blödheit der Menschen am Beispiel der Wiener Wahlen.
Manche Dinge werde ich nicht ändern können, an anderen kann ich arbeiten. Nur wo beginnen?

Der Rat einer guten Freundin ist es, in seinem eigenem Wirkungskreis anzufangen. Das werde ich tun. Die nächsten dümmlichen FPÖ-Plakate kommen bestimmt, der dicke, schwarze Edding zur Plakatbemalung wird in der Zwischenzeit erstanden...

Ein anderer hat diesen guten Rat auch befolgt.
Ich habe vor ca. eineinhalb Monaten ein Buch gelesen, dass mein Leben wirklich beeinflusst hat. Es wirkt noch immer nach, und ich habe nach der Lektüre meine Gewohnheiten geändert.
Es ist aus der Ratlosigkeit eines Romanautoren entstanden. Jonathan Safran Foer wollte die beste Nahrung für sein Baby und hat begonnen, zu recherchieren. Herausgekommen ist ein Buch, dass nicht zum Vegetarismus aufruft, obwohl es „Tiere essen“ heißt. Es bietet eine gute Entscheidungsgrundlage für Fleischfresser und Antifleischfresser. Es zeigt das Leben und den Tod der Tiere die wir essen. Es zeigt, was Massentierhaltung bedeutet: einerseits für Leute, die glauben das Fleisch wächst in Plastikfolien verschweißt im Kühlregal und auch andererseits für Leute wie mich, die mit Nutztieren aufgewachsen sind, mit Tieren die noch halbwegs vernünftig behandelt wurden. Jonathan Safran Foer hat über seine Suche als Romanautor geschrieben, herausgekommen ist ein gut geschriebener und gut zusammengestellter, recht persönlicher Text. Er versucht die Welt mit seinen Mitteln zu verändern.

Mich als gläubigen Bücherwurm hat er erreicht. Ich empfehle das Buch „Tiere essen“ gerne weiter, obwohl es einem bei der Lektüre ganz schön schlecht werden kann.
Ich esse schon seit Jahren kein Fleisch, aber mag seit der Lektüre nun auch keinen Fisch mehr. Ich habe es seither schon ein, zweimal getan, aber es hat mir gegraust und ich hatte ein schlechtes Gewissen.

Ich warte nun auf den zweiten Teil: „Pflanzen essen“ über den zeitgenössischen Gemüseanbau. Zu diesem Thema kann ich auch den Film „We feed the World“ empfehlen, einer der wenigen Filme (bis auf „Jenseits von Afrika“) bei dem ich geweint habe. Ich war traurig und wütend über meine Hilflosigkeit.
Mittlerweile glaube ich, dass ich gar nicht so hilflos bin. Dieses auf Wattebäschen gezüchtete Gemüse wird ja auch für mich produziert. Ich als Konsument kann ja klar sagen, was ich will. Ich kann es beeinflussen. Wir alle beeinflussen mit dem wofür wir unser Geld ausgeben, das was produziert wird.
Also, bitte nachdenken, bevor ein Produkt ins Einkaufswagerl gelegt wird.
Und Mahlzeit!

Dienstag, 19. Oktober 2010

Manches funktioniert auch, wenn man keine Esoteriktante ist

Magie

Mit Verwunderung habe ich in den letzten Monaten feststellen müssen, dass noch nicht alle Menschen in meiner Umgebung den Esoterikbestseller von Bärbel Mohr „Bestellungen beim Universum“ kennen. Deshalb muss ich heute ein Buch empfehlen, das fürchterlich geschrieben ist.

Interessant ist nur ein Teil des Inhalts. Hier das wesentlich in Kürze:
1.Du darfst dir was dein Herz begehrt beim Universum bestellen. Überlege dir ganz genau, was du bestellen willst. Du kannst die Bestellung mit einem Ritual verbinden (z.B.: aufschreiben), oder einfach machen, wenn du gut drauf bist. Mach es mit ganzem Herzen. Du kannst ein Lieferdatum bestimmen.
2. Formuliere die Bestellung prägnant und ganz wichtig positiv (kein „nicht“ oder „kein“ einbauen, das verstehen weder wir Menschen noch das Universum)
3. Eine Bestellung nur einmal aufgeben. Sonst wird das Universum verwirrt und schafft die Bearbeitung nicht.
4. Sei offen für die Lieferung. Sei zuhause. Die Bestellung könnte etwas anders als erwartet aussehen. Hör auf deinen Bauch, es mag zufällig wirken.
5. Und bedanke dich brav beim Universum.

Den anderen selektiven Esoterikkram erspare ich euch, auch die banalen Sinnsprüche für jeden Tag. Frau Mohr verkauft das Ganze gut, aber witzigerweise habe ich vom selben Konzept auch schon in einem anderen Buch gelesen: von Eva Ulmer-Janes „Magie ist keine Hexerei“.
Im Kapitel Wünschen schreibt Frau Ulmer- Janes auf Seite 165 folgendes:

Rechtes Wünschen besteht darin, das Ziel genau und mit möglichst vielen sinnlich wahrnehmbaren Details zu formulieren, dieses Bild in den Kosmos zu senden und dann loszulassen. Denken Sie nicht mehr darüber nach, vergessen Sie es am besten ganz! Und glauben Sie ja nicht, sie müssten diesen Wunsch täglich 100mal verstärken und wiederholen.

Ulmer- Janes geht etwas verantwortungsvoller mit dem Wünschen um. Die hat Respekt vor anderen Menschen und der Natur, was auch die anderen Themen in diesem Buch (ich glaube, meine Tante hat es mir irgendwann geschenkt. Ausgabe 1997) nicht uninteressant für Nicht- Esoteriker macht.

Meiner Meinung nach funktioniert das Wünschen einfach dadurch, dass man sich ein Ziel setzt, sich die genauen Umstände ausmalt (sinnliche Details) und dann offen für die kleinen Hinweise im Alltag ist, die einem helfen können, das Ziel zu erreichen. Also nichts mit Esoterik.

Ich selbst bestelle nur wichtige Dinge. Ich selbst halte nicht viel davon, mir materielle Dinge zu bestellen. An denen liegt mir wenig und die kann man notfalls auch kaufen.
Kürzlich habe ich zum Beispiel bestellt, dass mein Schatzi den Seelauf von 27 km gesund und munter übersteht, obwohl er denselben Muskelkater wie ich hatte, einen der einem nicht einmal das unbeschwerte Liegen leicht macht. Das hat funktioniert.
Was ich vergessen habe, war, dass ich dasselbe für seinen Freund und Laufkumpanen mitwünsche. Der Arme hat sich, zwar ohne Muskelkater, aber mit Schwierigkeiten im Knie durch den Lauf gequält. Trotzdem hat er's geschafft und kann stolz sein.
Man sieht schon an diesem Beispiel, dass das Bestellen auch Verantwortung mit sich bringt.

Am besten einfach ausprobieren!

Montag, 21. Juni 2010

Schnee vor dem Fenster - Teil 6

Er setzte sich auf den Schneehaufen und nahm einen Schluck und noch einen. Sein Hintern war nass. Er flüstere fragend: „Mrs. Hunt“ und später „Elisabeth“. Keine Antwort, er war allein. Mit vier Toten, fügte er in Gedanken dazu. Vier Tote und es schneit noch immer. Das verdammte Wetter! Die Karotten in der Küche müssen schon verbrannt sein, dachte er. Aber wozu nachschauen?
Er trank und saß auf dem Schneeberg im Salon. Jeder draußen würden denken, er sei ein Mörder. Er habe alle umgebracht, der Butler war es doch immer. Wo sollte er hin? Er würde flüchten, sobald der Schnee die Straßen wieder freigab und dann würde er anonym die Polizei anrufen und berichten, dass es hier im Haus vier Unfälle gegeben hat. Nein, das wird nicht funktionieren. Wenn er flüchtete, werden sie erst recht glauben, dass er der Mörder war. Er trank. Seine Finger waren etwas blau, das Fenster war noch immer offen, sein Hintern nass, aber irgendwie spürte er die Kälte nicht mehr so richtig.

Schnee vor dem Fenster - Teil 5

Mrs. Hunt sagte sich, als sie wieder in der Bibliothek saß, dass sie nun einen klaren Kopf behalten musste, obwohl sie den Whiskey schon tröstlich spürte. Es waren nur mehr sie und der Butler und der Schnee. Und es könne ja nicht ewig schneien, ihr Blick richtete sich auf die riesigen Flocken vor dem Fenster. Wenn es zu schneien aufhören würde, würde es noch Tage dauern bis der Schnee schmelzen würde, vorausgesetzt, es war nicht kalt. Sie sollte in den Büchern suchen, ob es einen derartigen Schneefall schon jemals hier gegeben hatte. In der Bibliothek fand sie zwei Bücher, die ihr vielversprechend schienen: eine geographische Abhandlung über die Grafschaft und ein Buch auf dem „Wilmer“ in geschwungener Goldschrift geschrieben stand. Die Seiten im Inneren waren handbeschrieben. Generationen von Wilmers hatten die Geschichte des Hauses festgehalten, die eng mit der der Familie verknüpft war. Da standen Geburtszahlen und da standen Hochzeitsdaten und da standen Sterbedaten. Sie fügte mit ihrem Bleistift vorsichtig die Sterbedaten des Lordes und der Lady dazu und hoffte, irgendjemand würde sie später mit Tusche und geschwungener Schrift endgültig festhalten. Sie stellte fest, dass die Familie Wilmer ausgestorben war und verstand erst jetzt die Verzweiflung des Butlers. Es gab keine Nachfahren mehr.
Dann wandte sie sich dem anderen Buch zu. Die Gegend hier, war anscheinend bekannt für eigenwillig extremes Wetter. Einmal hat es schon über viereinhalb Meter Schnee gegeben. Das könnte nun übertroffen sein, überlegte sie. Ihr Messstab reichte schon lange nicht mehr. Er war 2,7m lang gewesen. Sie müsste ihn verlängern, um zu eruieren, wie viel es nun schon geschneit hatte. Wenn es weniger war als die 4,5m Höchtmarke , dann könnte sie die Hoffnung darauf setzen, dass nach Erreichen dieser Marke Schluss sein würde. Sie suchte Nick. Er saß am Küchentisch und putzte Karotten und nahm ab und zu einen Schluck Whiskey. Viel haben wir nicht mehr, meinte er und deutete auf das Essen. Nachdem wir nicht in den Kartoffelkeller können. Beide schwiegen und dachten an Maria, die nun unter einer unvorstellbar dicken Schicht aus Schnee liegen musste. Mrs. Hunt beauftragte Nick, einen Stock oder eine Stange zu suchen, um die Messlatte zu verlängern. Sie würde oben in der Bibliothek auf ihn warten.
Er kam mit einer Vorhangstange, die früher im Salon gehangen war. Ist schon egal, sagte er. Miteinander brachten sie Markierungen an und nun galt es, den Anschluss an die untere Stange zu schaffen. Die Bibliothek lag direkt über dem Salon, die Fenster waren in einer Linie. So ungefähr wusste Mrs. Hunt, wohin sie die Stange aus dem oberen Fenster steuern musste. Sie setzte sich ans Fensterbrett, Nick hielt den Rest der Stange hinter ihr. Sie mussten sie zuerst ganz aus dem Fenster manövrieren. Dann stocherte Mrs. Hunt im Schnee der bis knapp unter das Fenster reichte. Sie spürte Widerstand, der von der anderen Stange stammen konnte. Sie gab ein wenig mehr Gewicht auf die Stange, um zu testen, ob das etwas, auf dem sie aufsaß auch hielt und sie fiel. Sie fiel aus dem Fenster. Der Schnee war weich und verschluckte sie. Sie versank. Das graue Kleid war verschwunden. Nick konnte sie nicht mehr sehen, das Loch war tief, die Sicht war trüb. Er rief ihren Namen. Keine Antwort. Er eilte ins Erdgeschoss, und rief aus dem Salonfenster ihren Namen gegen die Schneewand. Er versuchte mit seinen bloßen Händen in die Schneewand zu graben, merkte aber schnell, dass das nichts brachte. Er holte eine Schaufel und schaufelte und rief. Nichts. Er schaufelte einen menschengroßen Berg in den Salon. Irgendwann begann er zu frieren. Er holte eine Jacke und zwei Flaschen Whiskey aus der Küche.

Schnee vor dem Fenster - Teil 4

Die Lady konnte in dieser Nacht nicht schlafen. Sie konnte das blutige Bild nicht abschütteln. Sie wälzte sich im Bett. Wie würde es weitergehen? Sie allein im Haus. Was ist mit dem Geld? Hatte der Lord vorgesorgt? Sie muss sich, sobald der Schnee weg ist, sofort mit dem Anwalt und dem Steuerberater in Verbindung setzen. Sie drehte sich wieder auf die andere Seite. Was wäre, wenn sie das Haus verkaufen müsste? Sie drehte sich wieder auf die andere Seite. Möglicherweise würde ihr ein kleines Schlückchen Whiskey helfen, überlegte sie. Sie zog sich ihren Morgenmantel über, schlüpfte ihn ihre Hausschuhe und machte sich mit einer Lampe ausgestattet auf dem Weg in den Salon. Die Öfen waren schon hinuntergebrannt, der Lady fröstelte. Die Hintertür des Hauses war zur Gänze eingeschneit. Durch die Fugen der Tür war schon Wasser in den Vorraum geflossen, es waren Lacken auf dem Steinboden. Ich muss aufpassen, das ich nicht ausrutsche, dachte die Lady. Sie beschloss durch die Küche zu gehen, in der Hoffnung, dass sie bereits da auf Whiskey stoßen würde und in der Tat stand die angebrochene Flasche auf dem Küchentisch und ein benutztes Glas daneben. Die Lady suchte ein neues Glas, goss sich ein und trank das Glas in einem Zug aus. „Ach“ sagte sie und fühlte sich schon etwas gewärmt. Ich werde mir die Flasche einfach auf mein Zimmer mitnehmen. Der Butler braucht doch nicht unseren guten Whiskey trinken. Gleich darauf tat ihr der Gedanke leid. Sie musste froh sein, dass sie den Butler hatte. Er erledigte nun die Arbeit von zwei Personen und gleichzeitig hat er es heute geschafft, als sie hysterisch war, einen kühlen Kopf zu behalten. Sie würde ihn morgen schicken, um aus dem Herrenzimmer eine neue Flasche zu besorgen. Die stülpte das Glas über den Flaschenhals, damit sie eine Hand frei für die Lampe hatte und verließ die Küche.
Der Butler war irritiert, als er in der Früh ein Bündel Stoff vor dem Hinterausgang sah. Beim Näherkommen erkannte er den Morgenmantel der Lady. In einer gefrorenen Lacke lag sie, den Kopf seltsam abgewinkelt. Er sprach sie flüsternd an. Er berührte sie, sie war kalt. Er stieg über sie, um in die Küche zu gelangen. Sein Whiskey war weg. Sie hatte seinen Whiskey gestohlen. Kurz war er wütend. Dann ging er ins Herrenzimmer und holte sich eine neue Flasche, er vermied es den toten Körper anzusehen. Er setzte sich in den Salon und trank, bis Mrs. Hunt erschien. Sie blieb abermals stumm, als er ihr den Vorfall berichtete. Er bat sie, ihm zu helfen, die Lady ebenfalls ins Herrenzimmer zu bringen, sonst könnte er nicht mehr in die Küche. Mrs. Hunt war sehr blass, als sie die nassen, kalten Füße der Lady anpackte. Sie verweigerte allerdings vorerst den Whiskey und nahm erst ein Glas, als sie vom Herrenzimmer wieder in den Salon gekommen waren.
Der Butler roch nach Alkohol. Aber was sollte sie sagen, das war nicht ihr Haus. Mrs. Hunt bat den Butler ihr beim Frühstück Gesellschaft zu leisten. Er erzählte ihr, schon leicht lallend, dass auch schon sein Vater Butler bei den Lordschaften gewesen wäre. Und nun seien sie ausgestorben, die Lordschaften. Er verstummte. Mrs. Hunt fragte ihn nach seinem Namen. „Nikolaus“, sagte er, „Nick“. „Elisabeth“, sagte Mrs. Hunt und reichte ihm die Hand. Sie tranken noch ein Glas.

Schnee vor dem Fenster - Teil 3

Tage vergingen, der Butler briet Steak, kochte Reis und der Schnee fiel immer noch. Mrs. Hunt sah jeden Morgen nach der Höhe des Schneebelags, nun maß sie bereits 1,5m. Es war nicht mehr möglich im Erdgeschoß aus den Fenstern zu schauen. Anschließend verschwand sie täglich in die Bibliothek, um zu arbeiten.
Der Lord verbrachte seine Zeit im Arbeitszimmer. Er hatte schon alle seine Bücher gelesen, an Zeitungen war derzeit nicht zu denken. Es fielen ihm nicht sehr viele Tätigkeiten ein. Da Mrs. Hunt die Bibliothek belegte, konnte er sich dort schwer aufhalten. So blieb ihm noch das Jagdzimmer und das Herrenzimmer. Die Zigarren waren schon aufgebrauchte, aber es waren noch fünf Whiskeyflaschen da. Der Blick fiel auf seinen Gewehrschrank. Er hatte sich schon lange vorgenommen, die Gewehre wieder zu putzen. Die Schneebelagerung schien eine ausgezeichnete Gelegenheit zu sein. Er läutete nach dem Butler. Er ließ sich zwei Whiskeygläser und Eis bringen, goss sich und auch dem Butler einen ein. Der Butler sah blass aus. Er arbeitete zuviel. Der Lord versprach ihm eine neue Haushaltskraft statt der seligen Maria, sobald der Schnee geschmolzen war, fügte er hinzu. Der Butler bedankte sich für den Whiskey und entschuldigte sich wieder. Der Lord meinte, die Gläser und das Eis könne er hier lassen. Er würde sich noch einen Weiteren gönnen.
Er würde mit seinem Lieblingsgewehr beginnen, dachte der Lord als der das zweite Glas leerte. Er nahm das Gewehr aus dem Schrank und klemmte es sich schußbereit unter die Achsel. Er visierte durch das Glas hinaus. Nicht einmal Vögel ließen sich in der grauen Suppe vor dem Fenster blicken. Er öffnete das Fenster, um ein Ziel zu finden, dass er anvisieren konnte. Er sah schattenhaft die Bäume die den Park umgrenzten. Er drückte ab. Der Butler stürmte ins Zimmer. Er habe sich Sorgen gemacht, dass etwas passiert sei. Der Lord beruhigte ihn und goss ihm und sich noch ein Glas ein und nachdem sie es geleert hatten, befahl der Lord der Lady Bescheid zu geben, dass er sich mit den Gewehren beschäftige und der ein oder der andere Schuss fallen könne, sie solle sich keine Sorgen machen. Und er solle doch so gut sein, ihm seinen russischen Pelz zu bringen.
Sobald der Butler weg war, zielte er wieder auf die Bäume. Ob er getroffen hat, würde er erst sehen, wenn der Schnee wieder geschmolzen war. Das Gehör sagte ihm allerdings, dass er nicht traf. Vielleicht wäre das andere Gewehr besser für diesen Zweck. Mit Bäumen hatte er es bis jetzt noch nicht aufgenommen. Er legte das Lieblingsgewehr auf das Fensterbrett, während er das andere holte. Er gönnte sich zwischen durch wieder ein Gläschen. Er probierte den Abzug. Es schien zu funktionieren. Er zielte auf die Bäume, er schoss. Ja, das klang schon anders, das könnte ein Treffer gewesen sein. Der Blick fiel auf sein Lieblingsgewehr. Es sei nicht gut, es im Schnee auf dem Fensterbrett zu lagern. Einmal sollte er es noch mit dem probieren. Da dürfte etwas Schnee in den Abzug gekommen sein. Er besah sich das Gewehr genauer, konnte ein Gewähr so schnell einfrieren, auch ihn fröstelte es. Er verfluchte den Butler. Wo bleibe er denn so lange mit dem Mantel. Der Lord sah in den Gewehrlauf. In diesem Moment kam der Butler zu Tür herein. Ein Schuss löste sich. Der Lord fiel um, der Butler ließ den Mantel fallen und lief zum Lord. Das Gesicht war voller Blut. Soviel Blut. Der Körper des Lord zuckte. Dann war Ruhe. Der Butler war nun noch blasser. Als er blutverschmiert in der Salon kam, schlug die Lady die Hände über dem Kopf zusammen. Er teilte ihr mit, dass ihr Gatte leider soeben einem Waffenunfall zum Opfer gefallen war und entschuldigte sich, um sich zu reinigen und auch um sich zu übergeben. Aber das sagte er der Lady nicht. Die Lady eilte jammernd ins Herrenzimmer, Mrs. Hunt hörte das und folgte ihr. Sie fanden den Lord in der Blutlacke und die Lady schrie, Mrs. Hunt blieb stumm und griff nach dem Arm der Lady. Der tote Lord hielt das Gewehr noch in der Hand. Der Butler brachte die beiden Damen aus dem Zimmer, vergaß aber nicht die offenen Whiskeyflasche mitzunehmen. Er gab den Damen Whiskey zu trinken und nahm sich auch einen. Er schloss das Fenster im Herrenzimmer und versperrte danach die Tür.

Schnee vor dem Fenster - Teil 2

In der Nacht wurde Lady Wilmer von einem Geräusch geweckt. Es war nicht das übliche Schnarchen des Lords aus dem Nebenzimmer, sondern ein dumpfer Knall, der sich nicht mehr wiederholte. Der Wecker zeigte fünf Uhr früh. Sie durfte also noch weiter schlafen. Wahrscheinlich war es nur der Schnee gewesen.
Als sie das nächste mal auf die Uhr sah, war es Acht. Im Zimmer war dunkler als sonst, sie erinnerte sich an den Schnee und läutete nach dem Dienstmädchen. Das Zimmer war warm, der Butler hatte schon geheizt. Sie läutete noch mal nach dem Dienstmädchen, während sie ihr Hausschuhe überstreifte und in ihren seidenen Morgenmantel schlüpfte. Es klopfte an der Tür, herein trat der Lord. Die Lady zog den Morgenmantel enger um sich. „Ich habe nach Maria geläutet.“ sagte die Lady.
„Ich weiß.“
„Der Butler und ich waren der Meinung, ich sollte es dir mitteilen.“
„Was mitteilen?“
„Maria ist tot.“
„Oh mein Gott.“ Die Lady setzte sich wieder auf ihr Bett und hielt ihre Hand vor dem Mund. „Es muss passiert sein, als sie vom Erdkeller hinterm Haus Kartoffeln holen wollte. Der Wind dürfte die Klappe just in dem Moment zugeschlagen haben, als Maria, in den Händen ein Korb Kartoffeln wieder die Treppe nach oben gekommen ist. Sie konnte die Wucht der Kellerklappe nicht mehr auffangen, die Klappe traf sie so unglücklich am Kopf, dass ihr nicht mehr zu helfen gewesen sein dürfte. Der Butler fand sie. Die Kartoffeln sind nun bereits unter dem Schnee begraben, sowie Marias Körper. Der Butler mochte nur ihren Tod feststellen. Wegbringen konnte er sie nicht alleine. Wir werden ihren Körper erst bergen lassen, wenn das Schneetreiben vorbei ist. Also bitte Darling, geh nicht in die Nähe des Kartoffelkellers. Den Anblick möchte ich dir ersparen.“
Die Lady nahm die Hand vom Mund. „Das war also das Geräusch.“ Sie erzählte dem Lord von ihrem Wachwerden und fragte dann im selben Atemzug nach dem Wetter. Der Lord meinte, der Schneefall habe nicht nachgelassen, er hatte sich sogar in einen leichte Art von Schneesturm verwandelt. „Maria“, seufzte die Lady.
Der Butler bereitete nach bestem Können das Frühstück für den Lord, die Lady und Mrs. Hunt. „Die Eier sind glibbrig und der Kaffee ist kalt und schwach,“ dachte die Lady. Keiner verlor ein Wort darüber, auch sonst wurde nichts gesprochen. Alle aßen auf. Nach dem Frühstück drehte der Lord wieder am Radio. Rauschen. Er bewegte die Antenne, er drehte am Rad. Rauschen. „Dieses Rauschen macht nicht krank.“, meinte die Lady und entschuldigte sich, um sich in ihr Zimmer zurückzuziehen.
Mrs. Hunt fragte den Lord, ob der Butler, ihr helfen könne. Sie trug dem Bulter auf, eine lange Stange oder Latte zu suchen. Sie fragte ihn auch nach einem Maßband. Auf der Latte brachte Mrs. Hunt Markierungen an. Dann diskutierte sie mit dem Lord über den Aufstellungsort und sie entschieden sich für das große Blumenfenster im Salon. Der Butler öffnete das Fenster und sie trieben die Stange in den dicken Schneebelag und befestigten sie am Rankgitter für die Pflanzen, sodass sie die Markierungen auch bei geschlossenen Fenster sehen konnten. 0,5m las Mrs. Hunt ab. Am nächsten Morgen zeigte die Stange 0,8m knapp unter der Fensterbank.
Beim Abendessen verkündete der Lord, das Wetter könne nur besser werden und versuchte die beiden Damen zu unterhalten. Er erzählte ihnen Geschichte aus seiner Jugend, die er in Afrika verbracht hatte. Nach dem Essen hieß er den Butler das Grammophon zu holen und tanzte abwechselnd mit den Damen. Der Lord trank Whiskey, die Damen Likör.

Schnee vor dem Fenster - Teil 1

Nach langer Abwesenheit kommt hier wieder einmal eine selbstgemachte Geschichte in sechs Teilen.

Schnee vor dem Fenster - Teil 1
Der Butler betrat den Salon und schüttelte Schnee vom Mantel. „Wir sind eingeschneit.“ verkündete er. Lord Wilmer sah von seinen Spielkarten auf. Der Butler erläuterte weiter: „Die Straßen sind unpassierbar. In der Nacht hat es einen Schneesturm gegeben.“ Lady Wilmer legte die Karten auf den Tisch. Sie hatte rote Flecken auf den Wangen. „Aber ich habe morgen früh einen Termin in der Stadt. Der Schneider will mir das neue Kostüm anpassen.“, sprach die Lady mit etwas gepreßter Stimmer. Sie ließ sich vom Butler das Telefon bringen, um den Termin zu verschieben, musste aber feststellen, dass nur ein langer Piepton aus dem Hörer kam. Der Lord nahm ihr den Telefonapparat etwas unsanft aus der Hand. Ungeduldig wählte er eine Nummer. „Auch den Polizeipräsidenten kann ich nicht erreichen.“ Die Lady rieb sich das Handgelenk, dann legte sie ihre rechte Hand an die Stirn und seufzte. Der Butler ging zum Radio und drehte an den Knöpfen. Es war nur ein Rauschen zu vernehmen. Er bewegte die Antenne. Das Rauschen wurde lauter.
Es klopfte an der Salontür. Der Lord sagte etwas genervt: „Herein.“ Mrs. Hunt betrat den Raum. Sie war bereits für das Dinner gekleidet. Der Lord erklärtes ihr mit knappen Worten, dass sie von der Welt abgeschnitten wären. Mrs. Hunt Blick fiel aufs Fenster, wo er einige Augenblicke hängen blieb. Alle anderen im Raum hatten ihr Augen auf dem glänzenden, hellblauen Seidenkleid von Mrs. Hunt. Sie stellte mit ruhiger Stimme fest, dass es nun schon seit fünf Tagen schneie.
Die Lady klopfte mit den Spielkarten nervös auf den Tischs. Sie beauftragte den Butler das Hausmädchen zu fragen, wie es um die Essensvorräte stehe. Der Butler verließ den Salon.
„Das ist die Klimaerwärmung.“ sagte Mrs. Hunt in die Stille. Mrs. Hunt war eine Studienkollegin der Nichte des Lords. Sie war zu Gast, um in der umfangreichen Bibliothek für ihre Abschlussarbeit zu recherchieren. Sie löste ihre Blick vom Fenster und ging zum Tisch. Der Lord rückte seinen Sessel ein wenig zur Seite, um ihr Platz zu machen, dabei hielt er noch immer seine Karten in der Hand. Die Lady stand auf und ging zum Fenster. Der Rand des Fensterglases war mit Schnee belegt. Lady Wilmer konnte auch draußen nur Schnee sehen, Schneeflocken im Himmel und eine Schneeschicht am Boden und auf den Bäumen, überall Schnee und weiter weg weißer Nebel.
Der Butler kam wieder ins Zimmer und verkündete, dass die Essensvorräte nach Schätzung des Hausmädchens noch ca. vierzehn Tage reichen wird. Die Lady atmete auf. Das Holz zum Heizen, meinte der Butler weiter, würde allerdings nur für eine Woche reichen. „Eine Woche werden wir schon durchhalten, solange könne es ja nicht schneien,“ beruhigte der Lord die Damen. Dann forderte er sie auf, sich ins Esszimmer zu begeben.
Die Lady fuhr mit dem Finger über die kühle Glasscheibe. „Wie kann die Klimaerwärmung so kalt sein?“ dachte die Lady, nicht ohne dass ihr ein Schmunzeln ausgekommen wäre.

Sonntag, 6. September 2009

In diesem Winter

Winter

Hier kommt ein Text,den ich schon vor Jahren geschrieben habe, der mir jetzt wieder untergekommen ist und frisch bearbeitet wurde.
Hoffentlich kein Vorgeschmack auf den kommenden Winter ;-)


In diesem Winter

Es ist Oktober. Sie sind gemeinsam auf einer Feier eingeladen und als sie sich um vier Uhr früh auf dem Heimweg machen, tanzen dicke Flocken vom Himmel. Der erste Schnee. Sie vergraben ihre Hände in einer gemeinsamen Manteltasche, sie spazieren kichernd und leicht betrunken nach Hause. Beide versuchen Schneeflocken mit ihrem Mund aufzufangen.
Im Advent stehen sie gemeinsam vor dem Fenster und sehen zu wie die Schneeflocken fallen. Er steht hinter ihr, umarmt ihren Bauch und gibt einen Kuss auf den Hals.
Und dann kurz vor Weihnachten, fällt wieder Schnee. Sie ist mit Tränen in den Augen auf dem Weg nach Hause. Es schneit eisige Flocken vom Himmel und sie fragt sich, wie das passieren konnte. Seit dem ersten Schnee und seit dem Advent und sie verflucht den Schnee. Die Stadt glänzt in festlichen Lichtern. Ihr Herz verkrampft sich, wenn sie ‚Last Christmas’ in einem Kaufhaus hört. Sobald es schneit, versteckt sie sich hinter einem Bildschirm.
Und dann irgendwann gibt es den letzten Schnee. Es beginnt Frühling zu werden. Primeln wachsen. Und es schneit. Abends. Und sie steht wieder alleine vor dem Fenster, wie alle die Jahre zuvor und denkt an den ersten Schnee. In diesem Winter.

Samstag, 15. August 2009

Das Wetter stört ihn nicht

wasser

Das Wetter stört ihn nicht, sagt er und verschwindet in der Umkleidekabine. Die Farbe des Himmels kann sich nicht zwischen grau und hellblau entscheiden. Die Wolken hängen tief über den Bergen, der See ist grüngrau und zeigt kleine Wellen vom Wind.
Sie setzt sich ins Strandcafe. Sie trägt Turnschuhe, ihren schönen, schwarzen Mantel und die geräumige Tasche, die sich in der Stadt als so praktisch erwiesen hat, hier aber etwas deplaziert wirkt. Oder vielleicht auch nicht. Vielleicht würde sie hier als Badetasche durchgehen.
Er kommt aus der Umkleidekabine. Er trägt nun eine dunkelblaue Badehose. Die Biker vom Nachbartisch drehen sich nach ihm um und murmeln. Er trinkt stehend aus dem Glas, das sie inzwischen bestellt hat, setzt die Schwimmbrille auf den Kopf und geht barfuss über die Wiese davon.
Ihr fröstelt. Auf der halben Strecke zwischen ihr und dem See beginnt er mit dem rechten Arm zu kreisen. Er wärmt sich auf, er denkt jetzt an den See und nicht mehr an mich. Dann kreist er mit dem linken Arm.
Sie nimmt die Zeitung aus ihrer Tasche und beginnt zu lesen. Zwischendurch hebt sie den Kopf und sieht auf den See. Sie kann nicht über den ganzen See sehen, ein Klettergerüst versperrt ihr den Blick. Er ist nirgends erkennbar.
Sie fischt ein Halstuch aus der Tasche. Der Wind ist stärker geworden. Sie liest weiter, die Biker lesen sich die Texte auf den Zuckerpackerl gegenseitig vor. Es geht um die Eigenschaften von Sternzeichen. Die Biker lachen. Sie trinkt einen Mangosaft gespritzt, ein Getränk, dass er üblicherweise immer bestellt.
Sie kann keinen Badewart entdecken. Heute sind nur Jogger, Spaziergänger, Inlineskater, aber keine Schwimmer unterwegs. Irgendwer würde ihn sehen, wenn ihm etwas passieren würde. Sie freut sich auf die Blicke der Biker, wenn er tropfend nass aus dem See steigen wird. Die Kellnerin wird lächeln und sich beeilen ihm heiße Schokolade zu bringen.

Dienstag, 14. April 2009

Indien Teil 3: 'Zwei Leben'

weg-aus-indien

Ein Buch dass ich schon vor längere Zeit gelesen habe, ist von Vikram Seth „Zwei Leben – Portrait einer Liebe“. Der Autor erzählt die Geschichte seines Onkels Shanti und dessen Frau Henny. Das Paar war kinderlos und hat in London gelebt, wo der Autor während seiner Studienzeit leben durfte. Nach beider Tod schreibt er ihr Geschichte nieder.
Shanti wurde in Indien geboren, kam für sein Zahnedizinstudium nach Berlin, wo er Henny kennen lernte. Sie war eine Jüdin, die dann im Zweiten Weltkrieg nach England flüchten musste. Ihre Mutter und ihre Schwester wurden deportiert. Shanti erlebte den Krieg als Soldat, verlor eine Hand, blieb aber in Kontakt mit Henny. Nach dem Krieg zog er ebenfalls nach London. Nach langer platonischen Bekanntschaft, heiratetet er Henny schließlich. Shanti eröffnete einarmig eine Zahnarztpraxis.

Der Roman beschreibt das Leben dieser zwei Menschen nicht nur im Text, sondern auch anhand von Fotos und Briefen. Die Figuren sind nicht idealisiert, Henny wird als eher kühle Frau dargestellt und die Schrullen des alten Onkels werde auch nicht verborgen. Die Geschichte ist wirklich schön zu lesen, allerdings auch recht traurig. Der Erzählton ist liebevoll, der Stil ist hingegen trocken und reportagenhaft.
Indien kommt sehr wenig vor, aber die Figuren haben den indischen Hintergrund und die große indische Familie die immer wieder zu Besuch kommt und die kühle Henny etwas befremdet.

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maison ist weiblich, 34 jahre alt und lebt in wien. sie schreibt seit 2003. (la maison= französisch: haus) email: privatliteratur@yahoo.com

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